Italien · Veltlin – zwischen Pässen und Zufällen

4 Tage · Rennrad · Berge · Kamera
Veltlin – einfach eine Unterkunft und ein Rennrad
Eigentlich begann diese Reise ziemlich unspektakulär.
Wir hatte ein paar freie Tage, das Rennrad dabei und wollte Richtung Süden. Keine komplett durchgeplante Reise, keine Liste mit Pässen, die unbedingt abgehakt werden mussten. Wir suchte vor allem einen Ort, von dem aus wir ein paar Tage mit dem Rad unterwegs sein konnten.
So landeten wir bei Mario in Vervio, einem kleinen Ort im Veltlin.
Ein kleines Dorf im Veltlin. Unser Ausgangspunkt für vier Tage zwischen Bergen, Pässen und Entdeckungen.



Die Unterkunft hatte ich gebucht, weil die Lage für unsere Touren gut aussah und mir das Konzept gefiel. Mario vermietet dort mit einem veganen Ansatz – etwas, das mich neugierig gemacht hatte. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Mit der Unterkunft hatten wir gleichzeitig jemanden gefunden, der die Gegend vermutlich besser kannte, als es jede Routen-App könnte.






Mario war Lokführer und kannte die Berge, Straßen und kleinen Wege rund um Vervio aus einem ganz anderen Blickwinkel.
Und daraus entwickelte sich ziemlich schnell ein Ritual.
Abends erzählten wir ihm, was wir am nächsten Tag ungefähr vorhatten. Keine fertige Route, eher eine Idee: Dort würden wir gerne hin, diesen Pass vielleicht fahren, diese Gegend anschauen.
Mario hörte zu.
Und dann kamen Sätze wie:
„Fahrt lieber dort entlang.“
Oder:
„Von dieser Seite würde ich den Pass nicht hochfahren.“
Manchmal zeigte er uns Straßen, auf die wir selbst wahrscheinlich nie gekommen wären.
Genau das veränderte die Reise.
Aus geplanten Radtouren wurden Tage, bei denen wir morgens ungefähr wussten, wohin wir wollten – aber nie genau, was uns unterwegs erwarten würde.
Wir fuhren über kleine Straßen, durch Bergdörfer und über Pässe. Wir landeten mit den Rädern in der Berninabahn, standen plötzlich mitten in einer Kuhherde, entdeckten Orte, von denen wir vorher noch nie gehört hatten, und fanden am Ende sogar eine ganze vergessene Stadt am Berg.
Und natürlich war fast immer die Kamera dabei.

Nicht, um diese Reise vollständig zu dokumentieren.
Sondern für die Momente, bei denen ich stehen bleiben wollte.
Vier Tage. Rennrad, Berge, Kamera – und ziemlich wenig davon lief genau so, wie wir es vorher geplant hatten.
Vielleicht war genau das das Beste daran.
Tag 1 · Ankommen im Veltlin

Tag 1 – Erst einmal das Tal kennenlernen
Nach der langen Anreise und unserem ersten Abend bei Mario sollte es am nächsten Morgen endlich aufs Rad gehen.
Beim Zusammensitzen am Abend zuvor hatten wir uns natürlich schon die ersten Tipps abgeholt. Mario kannte die Gegend, die kleinen Straßen und die Orte, an denen man nicht einfach vorbeifahren sollte. Dabei erzählte er uns auch einiges über das Veltlin und seine Geschichte.
Was sofort auffiel: Kirchen gibt es hier wirklich überall.


Kleine Kapellen am Straßenrand, Kirchen in den Dörfern und immer wieder religiöse Darstellungen, besonders der Jungfrau Maria. Mario hatte uns dazu einiges über die besondere Bedeutung Marias in der Region erzählt. Wie viel davon historische Überlieferung und wie viel lokale Erzählung war, konnte ich nicht beurteilen. Aber plötzlich achtet man auf Dinge, an denen man sonst wahrscheinlich einfach vorbeigefahren wäre.



Und davon gab es an diesem Tag noch einige.
Einfach losfahren
Unsere erste Tour sollte bewusst keine große Bergetappe werden.
Erst einmal ankommen. Das Tal kennenlernen. Schauen, wie sich die Gegend auf dem Rad anfühlt.
Das Wetter hätte dafür kaum besser sein können. Blauer Himmel, Sonne und diese mächtigen Berge links und rechts des Veltlins.
Von Vervio ging es los und bald auf kleine Straßen am Hang. Genau die Art von Straßen, die ich auf dem Rennrad mag. Weg vom großen Verkehr, immer wieder leicht hoch und runter und mit Blick ins Tal.


Wir hatten keinen Grund zur Eile.
Und ziemlich schnell merkten wir, dass das Veltlin landwirtschaftlich wesentlich vielfältiger ist, als wir erwartet hatten.
Wein natürlich.
Dazu Äpfel, Birnen und Feigen.


Und dann lag plötzlich eine Kiwi am Straßenrand.
Wie kommt eine Kiwi hierhin?
Im ersten Moment dachte ich tatsächlich:
Da hat wohl jemand beim Einkaufen eine Kiwi verloren
Wir fuhren weiter.
Ein paar Kilometer später stand am Straßenrand eine Pflanze, deren große Blätter ich nicht richtig zuordnen konnte.
Was ist das?
Also genauer hingeschaut.
Und dann sah ich sie.
Kiwis.



Nicht eine einzelne verlorene Frucht, sondern Kiwis direkt an der Pflanze.
Damit hatte ich hier überhaupt nicht gerechnet.
Eigentlich eine vollkommen belanglose Entdeckung. Aber genau solche Dinge bleiben von einer Reise hängen. Man fährt irgendwo entlang, sieht etwas, wundert sich und plötzlich interessiert einen eine Pflanze mehr als irgendeine Sehenswürdigkeit, die im Reiseführer steht.
Von da an schauten wir natürlich genauer hin.
Weintrauben, Äpfel, Birnen, Feigen und eben Kiwis.

Das Veltlin hatte offenbar mehr zu bieten, als wir ihm am Morgen zugetraut hatten.
Der erste Eindruck
So verging der Tag eigentlich genau richtig.
Keine große Mission. Kein berühmter Pass, der unbedingt bezwungen werden musste. Einfach fahren, anhalten, fotografieren und wieder weiter.
Am Ende standen trotzdem gut 72 Kilometer und etwas mehr als 900 Höhenmeter auf dem Radcomputer.
Aber die Zahlen waren an diesem Tag eher Nebensache.
Viel wichtiger war etwas anderes: Wir bekamen langsam ein Gefühl für die Gegend.
Für die kleinen Straßen am Hang. Für die Dörfer und Kirchen. Für die Landwirtschaft. Für die Ruhe abseits der Hauptstraßen. Und für diese besondere Mischung aus italienischem Tal und den Bergen, die überall darüberstehen.

Als wir zurück nach Vervio kamen, war eigentlich nur eines klar:
Das hier könnte ziemlich gut werden.

Und am Abend saßen wir wieder mit Mario zusammen und erzählten ihm, was wir für den nächsten Tag geplant hatten.
Eine Route, die ich bei Strava gefunden hatte.
Mario schaute sie sich an.
Und meinte nur, dass wir uns damit eine ziemlich harte Tour ausgesucht hätten.
Damit begann die Geschichte von Tag 2.
Tag 2 · Mortirolo · Abseits der großen Straßen

Tag 2 – Eine Route von Mario
Am Abend zuvor hatten wir Mario von unserer geplanten Tour erzählt. Ich hatte eine Route bei Strava gefunden, eine dieser Empfehlungen, die dort oder bei Komoot immer wieder auftauchen. Mario schaute sie sich an und meinte nur sinngemäß: Da habt ihr euch aber etwas vorgenommen.
Das war eigentlich gar nicht unser Plan. Wir wollten einen schönen Tag auf dem Rad, kleine Straßen, Landschaft sehen und nicht möglichst viele Höhenmeter sammeln.
Also sagte Mario: Lass mich mal schauen.
Später am Abend kam eine WhatsApp mit seinem Vorschlag. Ich setzte mich noch einmal an die Planung, baute seine Hinweise in die Route ein und schickte ihm das Ergebnis zurück. Passte.
Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Diese Änderung sollte uns einen der schönsten Rad-Tage der Reise bescheren.
Richtung Aprica
Am nächsten Morgen ging es früh und bei bestem Wetter von unserem Refugium in Vervio los. Erst durchs Tal und dann bei Stazzona hinein in den ersten längeren Anstieg Richtung Aprica.



Die Beine waren noch frisch, die Laune gut. Trotzdem machten die konstanten sechs, sieben und teilweise mehr Prozent schnell klar, dass das heute kein Spaziergang werden würde.
Und irgendwann hörten wir sie.
Motorengeräusche.
Immer wieder kamen Sportwagen den Berg hoch. Solange sie mit Abstand überholten, war alles gut. Aber natürlich kam mir irgendwann der Gedanke: Vielleicht bekomme ich davon ein paar Bilder.
Also während der Fahrt die Kamera auf mein Race-Setup umgestellt. Als das nächste Motorengeräusch näher kam, musste es schnell gehen. Weiter pedalieren, Kamera hoch und beim Überholen aus der Hüfte fotografieren.
Ob etwas Brauchbares dabei war, wusste ich nicht. Das würde ich erst später sehen.




Wir hatten schließlich noch etwas anderes vor.
In Aprica wurde erst einmal Kaffee getrunken. Espresso und Cornetto, Räder kurz abstellen und Beine entspannen. Ich hatte mir den Ort irgendwie größer und mondäner vorgestellt. Stattdessen war es ruhig und fast ein wenig verschlafen. Im Winter dürfte das hier vollkommen anders aussehen.

Dann ging es weiter.
Jetzt begann eigentlich die Tour
Hinter Aprica veränderte sich die Landschaft. Vorbei am Pian di Gembro wurden die Straßen kleiner und der Verkehr verschwand beinahe vollständig.

Wälder wechselten sich mit offenen Wiesen ab. Einzelne Höfe lagen verstreut in der Landschaft und immer wieder öffnete sich der Blick auf die umliegenden Berge.


Genau deshalb waren wir hier.
Die Straße schlängelte sich am Berg entlang, mal durch den Wald, mal über offene Flächen. Zwischendurch kamen immer wieder steile Rampen. Einige davon brachten uns ziemlich deutlich an unsere Grenzen.
Aber wir hatten Zeit.
Und irgendwann waren wir dort oben fast vollkommen allein. Die Straße war stellenweise so schmal, dass gerade ein Auto darauf gepasst hätte.
Was allerdings egal war.
Es kam keins.
Dafür lagen ein paar Ziegen mitten auf der Straße und machten genau das, was an diesem Tag vermutlich die vernünftigere Beschäftigung gewesen wäre: im Schatten liegen und sich nicht bewegen.




Kleine Dinge am Wegesrand


Genau solche Momente machen für mich eine Tour aus.
Nicht nur der nächste Pass oder irgendeine Zahl auf dem Radcomputer. Sondern die Dinge, die man nicht geplant hat.
An einer kleinen Kapelle machten wir Halt und füllten unsere Flaschen mit Wasser auf. Nebenan lebte eine Bauernfamilie und ging ihrem Alltag nach. Wäsche hing zum Trocknen, darunter auch ein paar Socken, und aus dem Schornstein kamen ziemlich verlockende Essensgerüche.





Wir standen dort mit unseren Rädern, tranken unser Wasser und schauten uns ein wenig um.
Das Essen roch übrigens hervorragend.
Bekommen haben wir nichts.
Also weiter.

Die Landschaft änderte sich erneut. Immer wieder öffnete sich der Blick weit in die Täler und auf eine neue Bergkulisse. Teilweise konnten wir von oben sehen, wo wir Stunden zuvor noch gefahren waren.


Und irgendwann stand auf dem Wahoo die Zahl, auf die man dann doch ein bisschen stolz ist:
2.000 Höhenmeter.
Wir haben uns dafür schon etwas gefeiert.
Nicht wegen Strava und auch nicht, weil 2.000 irgendeine magische Zahl wären. Sondern weil wir dort oben auf dieser winzigen, menschenleeren Straße standen und wussten, dass wir jeden einzelnen davon selbst hochgefahren waren.
Mortirolo und Pantani
Irgendwann tauchte dann der Name auf, den wahrscheinlich jeder kennt, der sich etwas mit Radsport beschäftigt:
Passo del Mortirolo.

Und spätestens hier wurde klar, warum Mario unsere ursprüngliche Route noch einmal ändern wollte.
Die klassische Auffahrt von Grosio ist kein netter kleiner Alpenanstieg: 14 Kilometer, mehr als 1.100 Höhenmeter, durchschnittlich gut acht Prozent und Rampen bis etwa 14 Prozent.
Wir näherten uns dem Pass auf einer anderen Route.
Natürlich wollten wir zur Pantani-Gedenkstätte.

Dafür mussten wir ein Stück bergab und anschließend wieder zurück auf unsere eigentliche Strecke. Auf dem Hinweg kein Problem. Beim Zurückfahren sah die Sache anders aus.
Der Wahoo zeigte zeitweise zwölf Prozent.
Nach den bereits gesammelten Höhenmetern war irgendwann Schluss mit Heldentum.
Wir schoben.


Und während man sein Rennrad dort den Berg hochschiebt, steht man vor diesem Denkmal und denkt zwangsläufig darüber nach, was Fahrer wie Marco Pantani an solchen Bergen geleistet haben.
Wir waren jedenfalls bedient.
Und dann nur noch bergab
Vom Mortirolo ging es schließlich hinunter. Eine fantastische Abfahrt, schnell, kurvig und landschaftlich wunderschön.
Während man bergab beinahe spielerisch durch die Kurven fährt, wird einem gleichzeitig klar, wie unangenehm diese Straße in der anderen Richtung sein muss.
Mario wusste schon, warum er unsere Route verändert hatte.

Unten angekommen änderte sich der Charakter des Tages noch einmal komplett. Keine steilen Rampen mehr, kein Kampf mit den Höhenmetern.
Stattdessen ging es über den hervorragend ausgebauten Radweg im Veltlin zurück Richtung Vervio.
Einfach rollen lassen.

Nach all den kleinen Straßen, Wäldern, Rampen, Ziegen, Pässen und Höhenmetern war genau das der richtige Abschluss.
Und rückblickend war es auch der Tag, an dem sich unsere Entscheidung für Marios Unterkunft endgültig ausgezahlt hatte.
Wir hatten am Abend vorher lediglich nach einem Tipp gefragt.
Bekommen hatten wir eine Route, die wir uns selbst wahrscheinlich nie so zusammengestellt hätten.
Und genau deshalb war sie so gut.
Tag 3 · Von Pass zu Pass
Bernina · Forcola · Livigno · Foscagno


Früh morgens nach Tirano -> ->zum Bahnof und hoch zum Berninapass
Tag 3 – Von Pass zu Pass

Am Abend zuvor saßen wir wieder mit Mario zusammen und erzählten ihm von unserem Tag. Natürlich auch mit einem großen Dankeschön – seine Empfehlung für die Tour am Vortag war schließlich ein Volltreffer gewesen.
Wie schon am Abend zuvor erzählten wir ihm, was uns für den nächsten Tag vorschwebte. Mario hörte zu und hatte ziemlich schnell eine Idee: Wir könnten mit der Bahn hoch Richtung Berninapass fahren, oben starten und von dort über die Berge und Pässe zurück ins Tal fahren.
Das klang nach einem Plan.
Also Route gebaut, Räder vorbereitet, Verpflegung zurechtgelegt, Flaschen gefüllt und früh ins Bett.
Früh morgens nach Tirano
Der Wecker klingelte entsprechend früh. Armwärmer an, Buff um den Hals und um 6:43 Uhr rollten wir ganz entspannt von Vervio Richtung Tirano.

Knapp sechs Kilometer später standen wir am Bahnhof. Der war zu dieser Uhrzeit noch nicht einmal richtig geöffnet, aber wir waren längst nicht die Einzigen. Überall warteten Wanderer aus den unterschiedlichsten Ländern, um mit der Bahn hinauf in die Berge zu fahren. Andere wollten offenbar einfach nur die berühmte Strecke mit der Rhätischen Bahn erleben.






Und ich verstand ziemlich schnell, warum.
Die Sonne ging gerade auf und die blaue Stunde verschwand langsam. Die Landschaft veränderte sich mit jedem Höhenmeter. Seen, Berge, kleine Orte und immer wieder die rote Bahn vor dieser Kulisse.
Für Fotografen gibt es auf der Strecke sogar offene Wagen – eigentlich ein Traum. Mit unseren Rädern war das für uns keine wirkliche Option, also musste die Kamera durch die Scheibe arbeiten. Nicht ganz einfach wegen der Spiegelungen, aber trotzdem entstanden einige Bilder, die diesen Morgen ziemlich gut festhalten.
Während wir dort saßen, musste ich an Mario denken. Als ehemaliger Lokführer kannte er diese Strecke zu allen Jahreszeiten. Jetzt konnte ich noch besser verstehen, warum er so gerne davon erzählte.







Unser Ziel war Ospizio Bernina.
Hier stiegen wir aus. Und hier begann unsere eigentliche Radtour.





Ospizio Bernina – und erst einmal Kühe
Natürlich mussten zunächst ein paar Bilder gemacht werden. Danach kurzer Check der Räder und los.

Oder besser gesagt: schieben.
Von der Station führte ein Schotterweg hinauf Richtung Straße. Wir hatten gerade die erste kleine Kehre hinter uns, als es plötzlich ziemlich wild wurde.
Uns kam eine komplette Herde Alpenrinder entgegen.


Ein Bauer rannte ziemlich aufgescheucht zwischen den Tieren herum. Als er uns sah, rief er nur:
„Stehen bleiben! Das Rad! Das Rad querstellen!“
Ich habe keine besondere Angst vor Kühen. Ich habe 16 Jahre auf einem Bauernhof gelebt und fand es eher spannend zu beobachten, wie gekonnt der Mann versuchte, die Herde zu kontrollieren.
Bei Steffi sah das etwas anders aus.
Sie stand plötzlich wie versteinert mitten zwischen den Tieren. Kein Pieps. Einfach stehen und hoffen, dass alle anderen wissen, was sie tun.
Dann kam noch die Bäuerin dazu. Beide ungefähr mittleren Alters, und plötzlich sprangen die zwei über die Anhöhe, liefen zwischen den Tieren hin und her und trieben die ganze Herde vom Bahnhof weg.
Sehr gekonnt.
Trotzdem hätte das auch anders ausgehen können.
Kurze Zeit später setzte sich die ganze Karawane Richtung Straße in Bewegung und blockierte dort erst einmal den Verkehr. Irgendwann hörten wir nur noch die Kuhglocken und die Rufe der beiden Herdenführer.

Wir schoben hinterher.
Was übrigens erstaunlich anstrengend ist, wenn man vorher mit dem Rad einer Kuhherde hinterhergerannt ist.
Oben an der Straße angekommen, brauchten wir jedenfalls erst einmal eine kleine Pause.

Richtung Forcola – plötzlich wie auf dem Mond
Danach wurde es wunderschön.


Vom Ospizio Bernina führte die Straße zunächst in Serpentinen bergab. Landschaft genießen, Rad laufen lassen – genau so hatten wir uns das vorgestellt.
An der Abzweigung änderte sich die Richtung und es ging wieder stetig bergauf Richtung Forcola di Livigno.

Und dieser Anstieg hatte es in sich.
Steil, anstrengend und trotz der abgeschiedenen Lage überraschend viel Autoverkehr. Gleichzeitig wurde die Landschaft immer karger. Irgendwann gab es kaum noch Vegetation, nur Felsen, Geröll und Berge.
Es sah teilweise aus wie auf dem Mond.

Dann endlich das Schild:
Forcola di Livigno – 2.315 Meter.
Geschafft.

Und natürlich gab es auch dort noch etwas zu beobachten.
Die Zöllner hatten gerade ein Auto herausgezogen. Die Insassen mussten mehrere Kisten mit offenbar gerade gekauftem Alkohol auspacken und sich mit den Beamten beschäftigen.
Wir standen ein Stück weiter in der Nähe des Zollhauses, als einer der Zöllner plötzlich auch uns zurief, dass wir dort nicht stehen dürften.
Der Platz war riesig.

Während auf der einen Seite kistenweise Alkohol ausgepackt wurde, waren auf der anderen Seite offenbar zwei Radfahrer das Problem.
Also weiter.
Livigno – von „wie schön“ zu „was für eine Scheiße“

Die Abfahrt Richtung Livigno entschädigte zunächst für einiges.
Ein langer Ritt bergab. Hier und da etwas holprig, einige Baustellen, aber insgesamt machte es richtig Spaß.
Je weiter wir ins Tal kamen, desto voller wurde es. Am Straßenrand standen irgendwann ganze Kolonnen von Autos. Von hier starteten offensichtlich viele Wanderer ihre Touren.
Dann kamen die ersten Häuser.
Mein erster Gedanke:
Was für ein schönes altes Bergdorf.
Dunkles, von Sonne und Wetter gegerbtes Holz, alte Bauernhäuser, kleine Details an den Fassaden und dahinter diese gewaltige Bergkulisse.
Ich war gedanklich sofort beim Fotografieren.
Dabei musste ich an meine Freundin Vio denken, mit der ich schon öfter fotografiert habe. Sie war selbst schon mit Mountainbike und Kamera hier in Livigno unterwegs.
Jetzt verstand ich, warum.
Wenn man hier richtig Zeit hätte, könnte man das Rad irgendwo abstellen und eine komplette Fotostrecke daraus machen: alte Bauernhäuser, verwittertes Holz, Türen, Fenster, kleine Details und dazwischen immer wieder die Berge.
Mein fotografischer Tagtraum hielt allerdings nicht besonders lange.
Die Straße wurde schlechter.
Nicht ein bisschen schlechter, sondern teilweise richtig übel. Schlaglöcher, Baustellen und gleichzeitig immer mehr Verkehr. Autos donnerten dicht an uns vorbei und irgendwann kamen auch noch die LKW der Baustellen dazu.
Damit verwandelte sich mein anfängliches
„Oh, wie schön hier.“
ziemlich schnell in
„Oh, was für eine Scheiße.“
Wer mit dem Rennrad schon einmal mit 40 oder 50 km/h bergab gefahren ist und plötzlich ein richtiges Schlagloch vor sich entdeckt hat, weiß ungefähr, wie sich das anfühlt.
Kommt dann gleichzeitig links ein Auto vorbei und von hinten nähert sich ein LKW, braucht man keinen zusätzlichen Adrenalinkick mehr.
Irgendwann wollten wir nur noch sicher durchkommen.
Der Ort wurde immer dichter bebaut, der Verkehr immer mehr und unser Plan immer einfacher:
Kaffee. Pause.
Ein Moment am Straßenrand
Im Café erst einmal den kleinen Verkehrsschock verarbeitet, dann ging es weiter.
Livigno wurde allerdings nicht ruhiger. Überall Urlauber und Autos – und dabei war noch nicht einmal Wintersaison. Wir wollten eigentlich nur noch raus und auf der anderen Seite hinein in den nächsten Anstieg.
Dabei fiel mir etwas auf.
Immer wieder liefen Menschen mit Picknickkörben an der Straße entlang. An den Hängen gab es zahlreiche Grill- und Picknickplätze mitten in der Natur.
An einem davon blieb mein Blick hängen.
Dort waren zwei Männer und eine sehr alte Frau. Einer der Männer hatte am Grillplatz beinahe eine komplette Küche aufgebaut und kochte. Der andere kümmerte sich um die alte Dame, die in einem Liegerollstuhl lag. Er richtete sie zurecht, versorgte sie und achtete darauf, dass es ihr gut ging.
Natürlich wusste ich nicht, in welchem Verhältnis die drei zueinander standen.
Aber in meinem Kopf entstand sofort eine Geschichte.
Vielleicht war sie seine Mutter. Vielleicht war genau dieser Platz ein Ort, an dem sie früher gemeinsam als Familie solche Tage verbracht hatten. Und vielleicht sorgten die beiden Männer jetzt einfach dafür, dass sie trotz ihres Alters und ihrer Einschränkungen weiterhin dabei sein konnte.
Ich fand das unglaublich schön.
Keine große Attraktion. Kein spektakulärer Moment.
Drei Menschen, etwas zu essen und ein gemeinsamer Tag in den Bergen.
Und wieder einmal dieser Gedanke:
Den Moment genießen, solange man ihn genießen kann.
Wieder Berge
Nachdem wir Livigno endgültig hinter uns gelassen hatten, wurde es wieder ruhiger.

Die Häuser verschwanden und vor uns lag wieder das, weshalb wir eigentlich hier waren: Berge, Weite und Straße.
Mit dem nächsten Anstieg tauchte zwischen den Bergen immer wieder eine weiße Spitze in der Ferne auf. Ob dort noch Schnee lag oder ob ich tatsächlich auf Gletschereis schaute, konnte ich nicht erkennen.

Eigentlich war es auch egal.
Der Anblick ließ mich nicht los.
Während der Fahrt hielt ich immer wieder Ausschau nach einem Punkt, von dem aus sich das Panorama richtig fotografieren ließ.

Beim Hotel Interalpen an der SS301 fanden wir ihn.
Kurze Pause. Räder abstellen. Kamera raus.
Vor uns die Straße, die kargen Berghänge und weit dahinter das Weiß der hohen Gipfel.
Genau für solche Momente nehme ich die Kamera auf dem Rad mit.


Nicht um mit möglichst vielen Bildern nach Hause zu kommen. Sondern wegen dieser wenigen Situationen, in denen ich etwas sehe und sofort denke:
Da ist ein Bild.
Danach ging es weiter über die Passstraße. Und jetzt musste eigentlich gar nichts mehr passieren.

Wir fuhren einfach.
Schauten.

Und genossen die Landschaft.
Dann stand das nächste Schild vor uns:
Passo Foscagno – 2.292 Meter.

Noch ein Pass an diesem Tag.
Einfach zurückrollen
Nach der langen Abfahrt kamen wir schließlich wieder hinunter ins Veltlin und trafen auf den Sentiero Valtellina.
Und der war zum Abschluss des Tages einfach klasse.
Sehr gut ausgebaut, landschaftlich wunderschön und vor allem: endlich kein Kampf mehr mit Autos, LKW, Schlaglöchern oder steilen Rampen.
Einfach Radfahren.
Der Weg führte uns durch das Tal zurück Richtung Vervio, immer wieder am Wasser entlang und eingerahmt von den Bergen.
Nach all den Eindrücken dieses Tages mussten wir nirgendwo mehr hoch. Wir mussten nichts mehr erreichen.
Einfach die Beine laufen lassen und langsam realisieren, was wir an diesem Tag alles erlebt hatten.
Morgens im ersten Licht mit dem Rad zum Bahnhof. Mit der Berninabahn hinauf ins Hochgebirge. Eine Kuhherde am Ospizio Bernina. Die karge Landschaft Richtung Forcola. Der etwas skurrile Zoll. Livigno zwischen wunderschönem Bergdorf und Verkehrschaos. Ein stiller Moment mit einer alten Dame am Grillplatz. Die weißen Gipfel in der Ferne. Passo Foscagno.
Und schließlich dieser ruhige Radweg zurück nach Vervio.
Von Pass zu Pass.
91 Kilometer auf dem Rad, dazu die ersten Kilometer am frühen Morgen nach Tirano – und ein Tag, der sich am Ende nach deutlich mehr angefühlt hat als nach einer Radtour.
Manchmal sind es eben nicht die Kilometer und Höhenmeter, die von einem Tag hängen bleiben.
Sondern die Geschichten dazwischen.

Tag 4 · Villaggio Morelli

Eine vergessene Stadt am Berg
Nach den Pässen der vergangenen Tage sollte es diesmal entspannter werden. Ein paar Kilometer, kleine Dörfer, keine großen Anstiege. Mit Mario hatten wir vorher ausnahmsweise nicht über die Route gesprochen.
Ein Ziel hatte ich allerdings im Kopf.
Bei unserer Autofahrt nach Bormio war mir am gegenüberliegenden Berghang ein riesiger Gebäudekomplex aufgefallen. Alte Fassaden, verwitterte Fensterläden. Fast wie ein Lost Place.
Meine Theorie: ein ehemaliges Olympisches Dorf.
Warum? Keine Ahnung.
Man hätte vorher googeln können. Aber was wäre das denn für eine Vorbereitung gewesen?
Nicht der schnellste Weg
Zunächst fuhren wir durch die kleinen Orte am Hang, die uns vom Radweg aus immer wieder aufgefallen waren. Schmale Gassen, alte Häuser, Gärten und kleine Plätze. Heute hatten wir Zeit, genauer hinzuschauen.
Nur eines hatten wir übersehen:
Entspannt bedeutet am Berghang nicht automatisch flach.

Hoch. Runter. Und wieder hoch.

Als uns die Straßen am Hang ausgingen, wechselten wir zurück auf den Radweg. Gestern waren wir hier wunderbar bergab gerollt. Heute eben andersherum.
Wo ist eigentlich das Olympische Dorf?
In Sondalo hielt ich nach Schildern Ausschau. Olympia? Olympisches Dorf?
Nichts.
Dafür zeigte der Radcomputer auf der Via Roma irgendwann 14 Prozent. Bei ungefähr 30 Grad. Steffi hatte zunehmend weniger Lust auf mein mysteriöses Gebäude. Verständlicherweise.
Durch schattige Gassen und über die Via Zubiani arbeiteten wir uns weiter bergauf. An der Kirche Santa Maria Maggiore war für sie Schluss.
Ich konnte den Komplex inzwischen praktisch vor mir sehen.
Ich wollte da hoch.
Steffi blieb an der Kirche. Ich fuhr die letzten anderthalb Kilometer alleine weiter. Wieder zweistellige Prozente.
Dann öffnete sich vor mir dieser Ort.
André hat den Komplex 2014 erkundet und auf seiner Seite festgehalten, was ich selbst nicht gesehen habe.
Ein Blick hinter die Fassaden · urbex.nl ↗

Breite gepflasterte Straßen, massive Mauern zum Tal, gewaltige Durchfahrten. Dazwischen Grünflächen, Bäume und kleine Plätze.


Alles war groß. Fast zu groß für diesen Berghang.
Was zum Teufel ist das hier?
Die Auflösung
Eine Informationstafel brachte mich weiter. Handy raus, Foto gemacht.
Ein Krankenhauskomplex.






Aber warum so riesig? Wie viele Patienten, Pflegekräfte und andere Beschäftigte mussten hier einmal unterwegs gewesen sein?
Jetzt war es beinahe gespenstisch ruhig. Kaum Autos, kaum Menschen. Irgendwann stand ein einzelner Patient auf einem Balkon. Teile wurden offenbar weiterhin genutzt, andere wirkten wie aus einer anderen Zeit übrig geblieben.
Ich fuhr weiter, schaute mir Details an und suchte Motive.
Natürlich war der Fotograf in mir längst wieder beschäftigt: die langen Fluchten, alte Fassaden, Licht und Schatten. Dahinter die Berge.
Was könnte man hier beim ersten Licht für Bilder machen?
Nur leider nicht heute. Steffi wartete.
Villaggio Morelli
Zurück an der Kirche fügten wir unsere Erkenntnisse zusammen.
Ein Sanatorium. Kein Olympisches Dorf.
Villaggio Morelli
Zurück an der Kirche fügten wir unsere Erkenntnisse zusammen.
Ein Sanatorium. Kein Olympisches Dorf.
Der ab den 1930er-Jahren errichtete Komplex wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem großen Tuberkulose-Sanatorium. Eine beinahe eigenständige medizinische Stadt mit riesigen Pavillons und der Infrastruktur für Tausende Patienten und das Personal.
Neue Behandlungsmöglichkeiten veränderten später die Nutzung. Teile entwickelten sich zum heutigen Krankenhaus, andere verloren ihre ursprüngliche Funktion.
Plötzlich ergaben die gewaltigen Straßen, Mauern und Gebäude einen Sinn.
Erst später entdeckte ich das virtuelle Archiv des Museo dei Sanatori di Sondalo. Patienten auf den Veranden, Pflegepersonal, Küchen und Alltag zwischen diesen Gebäuden.
Die riesigen Fassaden bekamen wieder Menschen.

Was für mich zunächst wie ein Lost Place aussah, war einmal ein Ort voller Leben. Und vermutlich auch voller Hoffnung.
Faszinierend – und ein bisschen unheimlich
Trotzdem blieb dieses eigenartige Gefühl.
Gesund werden möchte ich dort nicht unbedingt.
Imposant, fotografisch großartig, aber stellenweise beklemmend. Bei den alten Fenstern und Türen fragte ich mich, was dahinter wohl noch zu finden wäre. Für einen Moment musste ich an „The Shining“ denken.
Alles viel zu groß für die wenigen Menschen, die man dort sah.
Dabei hatten wir nur ein paar entspannte Kilometer fahren wollen. Stattdessen wieder 14 Prozent – und eine ganze Stadt am Berg entdeckt.
Vielleicht war es gut, vorher nicht zu googeln.
Erst die Neugier. Dann der Weg nach oben. Und anschließend die Geschichte dahinter.
Manchmal ist es schöner, einen Ort erst zu entdecken – und ihn anschließend zu verstehen.
05 Abseits des Rads · Impressionen
Das Rad stand zwischendurch auch mal still. Die Kamera eher selten.
Beim Spazierengehen, auf dem Weg zum Essen oder einfach irgendwo dazwischen gab es immer wieder etwas, bei dem ich stehen bleiben wollte.
Ein paar dieser Momente gehören auch zu dieser Reise.
Ganz ohne Route. Einfach schauen.
















