Metz → Lyon

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Metz → Lyon

5 Tage · 650+ km · Rad · Zelt · Kamera

Samstagabend.

Noch ein paar freie Tage, bevor für mich ein neuer Abschnitt beginnt.

Die ursprüngliche Idee war eigentlich Paris. Aber Paris wollte ich nicht einfach irgendwie abhaken. Also kamen andere Ziele auf den Tisch.

Prag? Kopenhagen?

Ein kurzer Blick aufs Wetter. Im Westen Europas lag für die kommenden Tage ein stabiles Hoch.

Also Lyon.

Keine wochenlange Vorbereitung. Keine ausgefeilte Bikepacking-Strategie.

Eine Route suchen, schauen, wo ich ungefähr übernachten könnte, Zelt und Schlafsack einpacken, Kamera mitnehmen.

Dienstagmorgen sollte es losgehen.

Mit dem Auto bis Metz und von dort mit dem Fahrrad immer Richtung Süden. Entlang von Mosel, Kanälen und Saône bis Lyon.

Auf der Karte sah das erstaunlich einfach aus.

Was die Karte nicht zeigte: geschlossene Bäckereien, zwei Grad am Morgen, röhrende Hirsche, einen Eisvogel, trockengefallene Kanäle, Schotterwege, eine unfreiwillige MTB-Einlage und die erstaunliche Fähigkeit von Komoot, mich morgens um fünf auf die falsche Seite eines Flusses zu schicken.

Und genau deshalb wurde aus der Schnapsidee eine Reise.


Tag 1 · Metz → Fontenoy-le-Château

Der Wecker klingelt um zwei Uhr morgens.

Eigentlich eine völlig bescheuerte Uhrzeit, um einen Tag zu beginnen.

Aber vor mir liegen zunächst fünf Stunden Autofahrt nach Metz. Dort soll das Auto stehen bleiben. Ab dann geht es nur noch mit dem Fahrrad weiter.

Kofferraum auf. Fahrrad raus. Taschen befestigen. Kamera verstauen. Luftdruck kontrollieren.

Eigentlich ist alles da.

Eigentlich. Mein Portemonnaie liegt noch im Auto.

Das merke ich allerdings erst später.

Und damit bekommt die erste Etappe direkt ein paar zusätzliche Kilometer.


Die ersten vielleicht 500 Meter lassen mich dann kurz an meinem Plan zweifeln.

Schmaler Weg, grober Untergrund und mit dem voll beladenen Rad eher Mountainbike als entspannte Radreise.

Wenn das jetzt die nächsten 180 Kilometer so bleibt, habe ich ein Problem.

Bleibt es zum Glück nicht.

Sobald ich auf der eigentlichen Route bin, wird es ruhig.

Mosel. Kanäle. Kleine Seen. Schleusen.

Wasser rechts. Wasser links.

Und dazwischen einfach fahren.



Irgendwann wird etwas anderes knapp: Wasser.

Meine beiden Flaschen sind fast leer und weit und breit gibt es weder Laden noch Brunnen. Schließlich entdecke ich an einem öffentlichen Gebäude einen Wasserhahn.

Ob Trinkwasser?

Keine Ahnung.

In diesem Moment sieht er jedenfalls aus wie die schönste Sehenswürdigkeit Frankreichs.

Flaschen voll. Weiter.

Auch Essen entwickelt sich zu einem wiederkehrenden Thema dieser Reise.

Frankreich und Bäckereien gehören für mich eigentlich untrennbar zusammen.

Man muss nur eine finden.

Und sie muss geöffnet sein.

Das wird sich in den kommenden Tagen noch als überraschend anspruchsvoll herausstellen.






Körperlich läuft es dagegen erstaunlich gut. Die Beine fühlen sich leicht an. Ich könnte schneller fahren.

Aber warum? Es ist Tag eins von drei.

Also Rhythmus halten und weiter Richtung Süden.

Am Ende taucht Fontenoy-le-Château auf.

Ein kleines französisches Dorf zwischen Wald und Hügeln. Alte Dächer, Kirche, enge Straßen.

Schön.

Und ziemlich ausgestorben.

Der Campingplatz liegt etwas oberhalb des Ortes.

Klein. Einfach. Genau richtig.

Zelt aufbauen. Fahrrad abstellen. Taschen runter.

Duschen.

Danach stellt sich nur noch eine Frage:

Was gibt es zu essen?

Restaurant? Nein.

Café? Nein.

Take-away? Nein.

Die Frau an der Rezeption bietet schließlich an, mir eine Pizza warmzumachen.

Nach diesem Tag klingt das ungefähr wie ein Fünf-Gänge-Menü.


Langsam verschwindet die Sonne.

Vor mir Pizza und ein kaltes Bier.

Eigentlich könnte Tag eins jetzt ganz ruhig enden.

Dann beginnt irgendwo im Wald ein Hirsch zu röhren.

Kurz darauf der nächste. Dann einer aus einer anderen Richtung.

Irgendwann scheint der ganze Campingplatz von ihnen umgeben zu sein.

Und sie hören die ganze Nacht nicht mehr auf.

Als am nächsten Morgen kurz vor fünf mein Wecker klingelt, sind sie immer noch

da.

Vor mir liegt Tag zwei.

Und der wird deutlich länger.

↑ REISEÜBERSICHT TAG 2 →

Tag 2 · Fontenoy-le-Château → Parcey

Der Wecker klingelt um 4:45 Uhr.

Draußen ist es noch komplett dunkel.

Zelt abbauen. Schlafsack verstauen. Taschen packen. Alles wieder ans Fahrrad.

Nach dem ersten Tag weiß ich zumindest schon etwas besser, was wohin gehört.

Um 6 Uhr bin ich fertig.

Bevor ich losfahre, schaue ich nach oben.

Sterne.

Unglaublich viele Sterne.

Hier draußen gibt es kaum Lichtverschmutzung und der Himmel ist entsprechend klar. Aus dem Wald sind noch immer die Hirsche zu hören.

Offensichtlich haben sie ihre Liebste auch in dieser Nacht nicht gefunden.

Ich rolle hinunter nach Fontenoy-le-Château.

Der Ort schläft noch.

Es sind gerade einmal 2 Grad, aber überraschenderweise lässt sich die Kälte gut aushalten.

Mein erstes Ziel ist überschaubar:

Eine Bäckerei.

In Corre soll eine geöffnet sein.

Also hinein in die Dunkelheit.



Gegen 7:30 Uhr erreiche ich Corre.

Pailloux Séverine.

Boulangerie.

Geschlossen.

Natürlich.

Also fahre ich zum Kirchplatz und mache dort Frühstück.

Nur eben nicht besonders französisch.

MNSTRY Performance Bar. Porridge Bar. Kohlenhydrate aus der Radflasche.

Nach einem romantischen Frühstück in Frankreich klingt das nicht.

Aber dem Körper ist es vermutlich ziemlich egal, ob die Energie aus einem frischen Baguette oder einem Powerbar 


Und während ich dort sitze, beginnt einer dieser Momente, für die ich überhaupt unterwegs bin.

Die blaue Stunde.

Langsam kommt Licht in die Landschaft.

Über den Kanälen hängen Nebelschwaden. Nutrias tauchen am Wasser auf. Schafe stehen im Nebel und werden von den ersten Sonnenstrahlen getroffen.

Für ein paar Minuten sieht die Landschaft fast unwirklich aus.




Genau darum mache ich das.

Natürlich geht es darum, Lyon zu erreichen.

Aber eigentlich sind es diese Momente dazwischen, die hängen bleiben.

Ein leerer Radweg am frühen Morgen.

Nebel über dem Wasser.

Tiere, die man nur sieht, weil man um diese Uhrzeit irgendwo draußen unterwegs ist.

Und niemand sonst ist da.


Was mir auf der Strecke immer stärker auffällt, sind die kleinen Orte.

Viele wirken beinahe ausgestorben.

Ein paar Häuser. Eine Kirche. Manchmal ein kleiner Platz.

Das Leben scheint hier deutlich langsamer zu laufen.

Für jemanden auf der Suche nach Kaffee allerdings gelegentlich etwas zu langsam.

Um 9:30 Uhr habe ich nämlich immer noch keinen bekommen.

Also Plan B:

Caffeine Gel 40.

Nicht ganz das französische Lebensgefühl, das ich mir vorgestellt hatte.

Aber das Koffein kommt an.

Dann endlich:

Port-sur-Saône.

Eine geöffnete Bäckerei.

Fast möchte ich ein Foto vom geöffneten Eingang machen.

Diesmal wird nicht lange überlegt.

Großbestellung.

Und Kaffee gibt es auch.

Jetzt muss das Ganze nur noch irgendwie auf dem voll beladenen Fahrrad transportiert werden.

Gegen 10:30 Uhr finde ich einen Platz zum Sitzen.

Vor mir die Beute aus der Bäckerei.

Frische Viennoiseries und Kaffee.

Nach mehreren Stunden mit Riegeln und Gel schmeckt das ungefähr doppelt so gut.

Vielleicht sogar dreimal.

Kurz darauf wartet die nächste Überraschung.

Der Tunnel de Saint-Albin.

Als ich ihn zum ersten Mal sehe, denke ich, dass er vielleicht etwas mit Hochwasserschutz zu tun hat.

Tatsächlich können hier Boote durch den Berg fahren und damit eine Schleife der Saône abkürzen.

Ein Schifffahrtstunnel mitten in der Landschaft.

Ich wusste vorher nicht einmal, dass es ihn gibt.


Genau das mag ich an solchen Reisen.

Man fährt nicht gezielt von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit.

Man findet Dinge.

Gegen Mittag fällt mein Blick immer häufiger nach oben.


In den Pappeln hängen überall große grüne Kugeln.

Misteln.

Und sofort denke ich an Miraculix.

Der Druide im Baum, goldene Sichel in der Hand.

Was im Comic irgendwie lustig aussieht, ist biologisch ziemlich interessant: Die Mistel lebt als Halbschmarotzer auf ihrem Wirtsbaum und entzieht ihm Wasser und Mineralstoffe.

Plötzlich sieht man sie überall.



Auch die Landschaft verändert sich.

Die engen Kanäle und bewaldeten Abschnitte werden weniger.

Dafür öffnen sich weite Flächen.

Große Felder. Landwirtschaft. Horizont.

Viel größer und weiter, als ich es hier erwartet hätte.


Unterwegs begegnen mir auffällig viele Paare auf Tandems mit Bikepacking-Gepäck.

Ich finde das großartig.

Zwei Menschen, ein Fahrrad und alles dabei, was man für ein paar Tage braucht.

Eine ziemlich schöne Art zu reisen.

Aber auch die Tierwelt begleitet mich weiter.

Plötzlich liegt ein toter Fuchs am Straßenrand.

Kein schöner Moment.

Aber er macht mir noch einmal bewusst, wie viele Tiere ich auf dieser Reise bereits gesehen habe.

Einen Eisvogel.

Einen braunen Marder.

Nutrias.

Und wahrscheinlich noch einiges, das ich gar nicht bemerkt habe.

Auf dem Fahrrad bekommt man von einer Landschaft einfach mehr mit.





Gegen 14:30 Uhr erreiche ich Gray.

Kaffee.

Endlich.

Der Kellner allerdings vermittelt ziemlich überzeugend den Eindruck, dass sein Tag ohne Gäste wesentlich angenehmer wäre.

Keine Ahnung, was er hat.

Egal.

Der Kaffee ist da.



Weiter.

Was mich auch heute wieder begleitet, ist der Wassermangel.

Teilweise sind Flussarme und Kanäle so weit ausgetrocknet, dass der Boden aufbricht.

Manche Abschnitte sehen eher nach Sahara aus als nach einer französischen Flusslandschaft.

In Talmay folgt der nächste Versuch bei einer Boulangerie.

Geschlossen.

Langsam nehme ich es persönlich.

Bei Maxilly-sur-Saône ändert sich für einen Moment der Untergrund.

Kopfsteinpflaster.

Mit 32-mm-Reifen und einem voll beladenen Fahrrad eine interessante Erfahrung.

Für ein paar hundert Meter.

Mehr brauche ich davon nicht.

Dann werden die Kilometer langsam zäh.

Nicht dramatisch.

Aber ich merke, dass der Tag lang wird.

Und ich habe ein Problem:

Der Campingplatz schließt um 19 Uhr.

Noch ungefähr 20 Kilometer.

Also genau das Gegenteil von dem machen, was die Beine jetzt eigentlich möchten.

Tempo erhöhen.

Nach mehr als 200 Kilometern.

18:50 Uhr.

Campingplatz.

Zehn Minuten vor Schluss.

Geschafft.

Die junge Frau an der Rezeption gibt mir meinen Platz und erklärt mir dann noch eine Kleinigkeit:

Das Restaurant auf dem Campingplatz ist heute geschlossen.

Natürlich.

Zelt aufbauen.

Duschen.

Und anschließend noch einmal drei Kilometer nach Parcey, um etwas zu essen.

Zurück am Zelt wird nichts mehr dem Zufall überlassen.

Alles für den nächsten Morgen rauslegen.

Klamotten.

Taschen.

Verpflegung.

Denn morgen wartet die längste Etappe.

244 Kilometer bis Lyon.

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Tag 3 · Parcey → Lyon

4:30 Uhr.

Der Wecker klingelt.

Und inzwischen passiert etwas Interessantes:

Ich muss kaum noch darüber nachdenken.

Anziehen.

Schlafsack einpacken.

Zelt abbauen.

Taschen ans Fahrrad.

Was am ersten Morgen noch Sortieren und Überlegen war, ist mittlerweile Routine.

Um 5:15 Uhr rolle ich los.

244 Kilometer liegen vor mir.

Lyon.

Heute soll ich dort ankommen.



Ich lade meine geplante Komoot-Route.

Und vertraue ihr.

Das stellt sich ziemlich schnell als Fehler heraus.

Zuerst kommt Schotter.

Okay.

Dann wird aus Schotter langsam etwas, das mit meinem voll beladenen Fahrrad nur noch bedingt Spaß macht.

Und irgendwann stelle ich fest:

Ich bin auf der falschen Flussseite.

Der Weg entwickelt sich endgültig Richtung MTB-Strecke.

Es ist dunkel.

Ich habe ein voll beladenes Fahrrad.

Und noch ungefähr 240 Kilometer vor mir.

Perfekt.

Also raus aus dem Gelände.

Gegen 5:45 Uhr lande ich ausgerechnet auf einer Schnellstraße.

Lkw.

Autos.

Dunkelheit.

Auch keine Lösung.

Irgendwann finde ich zurück auf meine ursprüngliche Strecke.

Und dann wird es ruhig.

Wieder beginnt die blaue Stunde.

Fluss.

Nebel.

Langsam Licht am Horizont.

Und hinter mir geht die Sonne auf.

Diesmal fahre ich ihr nicht entgegen.

Sie begleitet mich von hinten.

Nach dem ziemlich absurden Start ist plötzlich wieder genau diese Ruhe da, die ich an den vergangenen beiden Morgen so mochte.

Die Route trifft auf die EuroVelo 6.

Ab jetzt geht es im Grunde immer weiter Richtung Saône und Richtung Süden.

In Tavaux finde ich Le Fournil de l’Église.

Eine geöffnete Bäckerei.

Nach zwei Tagen Frankreich habe ich gelernt:

Wenn eine Bäckerei geöffnet hat, diskutiert man nicht.

Man kauft.

Also alles einpacken, was ich für die nächsten Stunden brauchen könnte.

Und vorsichtshalber eine Cola.

Man weiß schließlich nie, wann es wieder Kaffee gibt.

In Losne liegt wieder Nebel über der Landschaft.

Gegen 7:30 Uhr gibt es das erste schnelle Frühstück.

Eine Stunde später erreiche ich Seurre.

Port de Seurre.

Zeit für Frühstück Nummer zwei.

Auf einer Tour wie dieser ändern sich die Regeln.

Wenn Essen verfügbar ist, wird gegessen.






Die Landschaft wird jetzt noch weiter.

Landwirtschaft bestimmt große Teile der Strecke.

Und sogar die Traktoren sehen anders aus.

Einige haben vorne tatsächlich nur ein einzelnes Rad beziehungsweise eine extrem schmale Vorderachse.

Ich muss zweimal hinschauen.

Es sind solche völlig nebensächlichen Dinge, die mir unterwegs auffallen.

Vielleicht auch deshalb, weil man auf dem Fahrrad genug Zeit hat, sie überhaupt zu sehen.


Gegen 11:20 Uhr folgt der nächste kleine Snack.

Eine Quiche.

Nicht spektakulär.

Aber ziemlich gut.

Und vor allem: Energie.

Dann erreiche ich Tournus.

Und zum ersten Mal an diesem Tag würde ich wirklich gerne länger bleiben.

Ein schöner Ort.

Alte Häuser, enge Straßen, Geschichte.

Genau der Ort, an dem ich normalerweise das Fahrrad abstellen und mit der Kamera verschwinden würde.


Heute geht das nicht.

Die Uhr läuft.

Und Lyon liegt noch immer ein gutes Stück entfernt.

Also ein paar Bilder.

Dann weiter.

Manchmal gehört zum Reisen eben auch, einen Ort wieder zu verlassen, obwohl man gerade gerne bleiben würde.

Chalon-sur-Saône.
Offenbar war ich nicht der Einzige, bei dem sich an diesem Tag alles ums Fahrrad drehte.

Was ich nach drei Tagen allerdings wirklich sagen muss:

Die Radwege sind hervorragend.

Große Teile der Strecke sind ruhig, logisch geführt und vom Autoverkehr getrennt.

Flüsse und Kanäle bilden über viele Kilometer die natürliche Linie Richtung Süden.

Mit einem voll beladenen Fahrrad ist das unglaublich angenehm.

Bis Grièges.

Dann ist Schluss mit angenehm.

Schotter.

Und davon reichlich.



Das Fahrrad läuft trotzdem gut.

Die Beine auch.

Aber dieser Abschnitt zieht sich.

Kilometer um Kilometer.

Bis Rochetaillée-sur-Saône.

Dort wechsle ich schließlich von der linken auf die rechte Seite der Saône.


Und ab diesem Moment verändert sich etwas.

Nicht unbedingt die Landschaft.

Sondern der Kopf.

Lyon ist jetzt wirklich nah.

Die Bebauung wird dichter.

Mehr Menschen.

Mehr Verkehr.

Die ersten richtigen Ausläufer der Großstadt.

Vor diesem Teil hatte ich vorher etwas Respekt.

Mit dem voll beladenen Fahrrad in eine fremde Großstadt hineinzufahren, kann ziemlich unangenehm werden.

In Lyon passiert genau das Gegenteil.

Die Radwege werden breiter.

Die Führung klarer.

Und plötzlich fahre ich praktisch auf einer eigenen Infrastruktur mitten in die Stadt.

Ich muss grinsen.

Ausgerechnet Münster bezeichnet sich gerne als Fahrradstadt.

Hier könnte man sich durchaus noch ein paar Dinge anschauen.

Lyon hat das Fahrrad sichtbar in seine Verkehrsplanung integriert – und es funktioniert.

Und dann passiert es fast unspektakulär.

Keine Ziellinie.

Plötzlich bin ich einfach da.

Lyon.

Drei Tage zuvor stand ich morgens in Metz neben meinem Auto und befestigte Taschen an meinem Fahrrad.

Jetzt stehe ich mit demselben Fahrrad in Lyon.

Dazwischen liegen mehr als 650 Kilometer.

Kanäle.

Schleusen.

Nebel.

Sonnenaufgänge.

Geschlossene Bäckereien.

Ein Eisvogel.

Hirsche.

Schotter.

Kopfsteinpflaster.

Kaffee.

Sehr viel Essen.

Und ziemlich viele Stunden auf dem Fahrrad.

Ich finde meine Unterkunft bei Alex.



Fahrrad abstellen.

Taschen runter.

Angekommen.

Und dann stelle ich etwas fest, womit ich selbst nicht gerechnet habe:

Meine Beine sind noch gut.

Ich hätte weiterfahren können.

Tue ich aber nicht.

Die Bikepacking-Tour endet hier.

Denn jetzt hat die Kamera ihren Auftritt.

Ende der Tour · Anfang von Lyon

Ich hatte noch ein paar freie Tage vor einem beruflichen Neustart.

Tage, die ich nicht einfach zu Hause verbringen wollte. Ich wollte raus, den Kopf frei bekommen und noch einmal etwas machen, bei dem es nur darum geht, morgens loszufahren und zu schauen, was der Tag bringt.

Samstagabend entstand daraus eine ziemlich einfache Idee.

Paris? Prag? Kopenhagen?

Ein Blick aufs Wetter. Richtung Süden sah es gut aus.

Also Lyon.

Viel mehr Planung steckte zunächst tatsächlich nicht dahinter.

Drei Tage später bin ich hier.

Vielleicht ist genau das das Schöne an solchen Reisen.

Nicht alles vorher zu wissen.

Nicht jede Situation zu planen.

Und nicht jeden Umweg als Fehler zu betrachten.

Manchmal muss man einfach losfahren.

Die nächsten zwei Tage bleibt das Fahrrad stehen.

Jetzt geht es zu Fuß weiter.

Kamera nehmen.

Lyon zu entdecken.

Und schauen, was mich dazu bringt, stehen zu bleiben.

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LYON · TAG 4

Keine Route. Nur Kamera.

Nach drei Tagen auf dem Fahrrad gibt es heute zum ersten Mal kein Ziel, das ich erreichen muss.

Keinen Campingplatz, der um 19 Uhr schließt.

Keine 200 Kilometer vor mir.

Und keine Komoot-Route, der ich besser nicht blind vertrauen sollte.

Heute bleibt das Fahrrad stehen.

Der Plan ist deutlich einfacher:

Lyon anschauen.

Kamera mitnehmen.

Und schauen, was mich dazu bringt, stehen zu bleiben.


Der Wecker klingelt trotzdem um 6:30 Uhr.

Ausschlafen scheint also auch heute keine Option zu sein.

Kamera einpacken. Rucksack. Objektive.

Und natürlich ein Croissant.

Dann raus.

Mein erster Weg führt mich entlang der Saône Richtung Altstadt.

Und der Sonnenaufgang ist tatsächlich fast wie bestellt.






Die Stadt ist um diese Uhrzeit noch erstaunlich ruhig.

Kaum Menschen.

Keine Reisegruppen.

Keine Schlangen vor irgendwelchen Sehenswürdigkeiten.

Nur eine Stadt, die langsam wach wird.

Für mich mit der Kamera ist das perfekt.

Ich habe Zeit.

Kann stehen bleiben.

Kann warten.

Kann noch einmal zurückgehen.

Nach drei Tagen, an denen es immer auch darum ging weiterzukommen, fühlt sich das ziemlich gut an.


Lyon gehört mir. Zumindest für ein paar Stunden.

Dann Rue Saint-Jean.

Eine der Straßen, die ich mir vorher auf meine Liste geschrieben hatte.



Später am Tag werde ich sie kaum wiedererkennen.

Aber jetzt am frühen Morgen?

Niemand.

Ich habe eine der bekanntesten Straßen von Vieux Lyon praktisch für mich allein.




Keine Touristenströme.

Keine Stadtführer.

Nur alte Fassaden, Türen, Durchgänge und dieses besondere Licht am frühen Morgen.

Genau deshalb bin ich so früh los.

Und dann passiert eigentlich genau das, was ich mir für heute vorgenommen habe:

Ich lasse mich treiben.

Nicht jede Straße muss irgendwohin führen.

Nicht jedes Motiv muss geplant sein.

Manchmal reicht eine interessante Tür, eine Fassade oder ein Lichtstrahl in einer Seitengasse, um die Richtung zu ändern.


Irgendwo da oben muss Fourvière sein

Von der Altstadt geht es nach oben Richtung Notre-Dame de Fourvière.

Zumindest theoretisch.

Denn beim ersten Anstieg schaffe ich es tatsächlich, die Basilika zu verpassen. 

Kann man auch machen.

Also noch einmal hoch.









Aber eigentlich ist genau das heute völlig egal.

Ich habe keine Route.

Keine Uhr, gegen die ich fahre.

Und auf dem Umweg entdecke ich wieder Dinge, an denen ich sonst wahrscheinlich vorbeigegangen wäre.

Darum bin ich schließlich hier.

Also noch einmal hoch.

Diesmal finde ich sie.


Von hier oben bekommt Lyon noch einmal eine völlig andere Dimension.

Saône und Rhône.

Die Dächer der Altstadt.

Die moderne Stadt dahinter.

Und irgendwo dort unten all die Straßen, durch die ich gleich wieder laufen werde.


Einfach weiter

Wieder unten geht es über die verschiedenen Brücken auf die andere Seite.

Treppen.


Passagen.

Fassaden.




Street Art.










Menschen.









Mal führt mich ein Motiv in eine Seitenstraße.

Mal eine interessante Treppe irgendwo hinauf.

Und manchmal entscheidet auch einfach der nächste Kaffee oder eine Eisdiele über die weitere Richtung.

Das ist vielleicht der größte Unterschied zu den vergangenen drei Tagen.

Auf dem Fahrrad war die Richtung klar:

Süden.

Heute ist sie vollkommen egal.


Nicht alles begeistert mich.

Der Mur des Tapis zum Beispiel.

Den hatte ich mir interessanter vorgestellt.

Vielleicht liegt es am harten Licht. Die Sonne brennt inzwischen ziemlich ordentlich.

Vielleicht liegt es am Viertel selbst.

Aber irgendwie funktioniert es für mich nicht.

Auch das gehört dazu.

Nicht jeder Ort, der auf einer Liste mit „Fotospots in Lyon“ steht, wird automatisch zu einem guten Bild.

Also Kamera wieder runter.

Weitergehen. Oder doch noch was!?







Die richtige Entscheidung

Gegen 15:30 Uhr komme ich noch einmal durch die Altstadt.

Und jetzt verstehe ich endgültig, warum es richtig war, morgens so früh hier zu sein.


Die Stadt hat sich komplett verändert.

Menschen überall.

Reisegruppen kommen aus allen Richtungen.

Stadtführer versuchen, ihre Gruppen zusammenzuhalten.

Volle Straßen.

Das ruhige Vieux Lyon vom Morgen ist verschwunden.

Ich bin froh, dass ich die Gassen, Plätze und Fassaden einige Stunden zuvor fast für mich allein hatte.

Für heute habe ich genug gesehen.

Zumindest fürs Erste.


Gegen 16 Uhr bin ich zurück im Apartment.

Schuhe aus.

Kamera weg.

Bett.

Der Vormittag hatte es in sich:

knapp 29.000 Schritte.

Nach drei Tagen und mehr als 650 Kilometern auf dem Fahrrad vielleicht nicht unbedingt die Definition eines Ruhetages.

Eine Stunde schlafen.

Dann Kamera wieder einpacken.

Denn der Tag ist noch lange nicht vorbei.


LYON BEI NACHT

Für den Weg zurück Richtung Innenstadt nehme ich diesmal einen E-Scooter.

Meine Beine müssen heute wirklich nichts mehr beweisen.

Die zweite Runde beginnt auf der anderen Seite der Saône bei Saint-Nizier.

Langsam verschwindet das Tageslicht.

Laternen gehen an.

Schaufenster beginnen zu leuchten.

Restaurants füllen sich.

Und Lyon verändert sich erneut.


Von hier aus habe ich immer wieder den Blick hinüber auf Notre-Dame de Fourvière.

Am Morgen stand ich noch dort oben.

Jetzt liegt die Basilika beleuchtet über der Stadt und wird selbst zum Motiv.


Ich laufe weiter.

Ohne wirklichen Plan.

Die Straßen sind inzwischen voll. Die Restaurants gut besucht. Menschen sitzen draußen, unterhalten sich, essen, trinken.

Nach der fast menschenleeren Stadt am frühen Morgen fühlt sich Lyon jetzt komplett anders an.

Und trotzdem gefällt mir beides.

Vielleicht sogar gerade deshalb.


Nicht mehr Sehenswürdigkeiten fotografieren

Irgendwann zieht es mich wieder Richtung Altstadt.

Auf den Brücken bleibe ich immer wieder stehen.

Saône.

Lichter.

Reflexionen auf dem Wasser.

Fourvière über den Dächern.


Und dann sind es immer häufiger diese kleinen Szenen, die mich interessieren.

Restaurants.

Menschen an den Tischen.

Licht aus Fenstern.

Ein Café an einer Straßenecke.

Orte wie Le Poids de Soi, die nachts plötzlich selbst zum Motiv werden.


Jetzt fotografiere ich nicht mehr die Sehenswürdigkeiten von Lyon.

Ich fotografiere die Stadt.

Das gefällt mir deutlich besser.


Irgendwann fällt mir allerdings auf, dass ich vor lauter Laufen und Fotografieren etwas ziemlich Grundlegendes vergessen habe:

Abendessen.

Also viel zu spät noch ins L’Alchimiste.

Etwas essen.

Sitzen.

Und irgendwann die Kamera endgültig einpacken.

Gegen 23 Uhr bin ich wieder im Apartment.


Morgens war Lyon fast leer.

Abends war die Stadt voll.

Dazwischen lagen Sonnenaufgang, Fourvière, kleine Gassen, Treppen, Brücken, Kaffee, ein Eis, Nachtaufnahmen – und am Ende:

53.627 Schritte.

Aus dem geplanten ruhigen Tag nach der Radtour ist damit nicht besonders viel geworden.

Aber darum ging es auch nicht.

Drei Tage lang war das Ziel, weiterzufahren.

Heute war das Ziel, stehen zu bleiben, wenn es etwas zu sehen gab.

Und davon gab es in Lyon ziemlich viel.

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Tag 5 Lyon


Noch einmal durch die Stadt.

Mein erster Morgen in Lyon hatte mit dem Duft von frischen Backwaren begonnen.Der letzte begann genauso.

Eigentlich hatte ich mir den Wecker auf 7 Uhr gestellt. Aber der war gar nicht nötig. Noch bevor er klingelte, zog wieder dieser Duft durch das Apartment.

Mein Gastgeber Alexandre hatte mir am Abend vorher geschrieben:

„Patrick, ich komme heute erst spät aus Paris zurück. Du hast die Wohnung für dich. Geh einfach, wann du möchtest.“

Also kein Stress beim Auschecken. Kein Schlüsseltermin. Eigentlich hatte ich an diesem Tag nur eine einzige feste Uhrzeit: 17 Uhr. Mein Zug zurück nach Metz.

Bis dahin gehörte Lyon noch einmal mir.



Sensation Vanille

Also raus aus dem Bett.

Ich dachte mir: Ach, was soll’s. Mich kennt hier sowieso kein Mensch.

Shorts an und runter auf die Straße. Mehr brauchte es nicht. Schließlich musste ich nur dem Duft folgen.

Wobei „folgen“ etwas übertrieben ist. Sensation Vanille lag praktisch direkt nebenan.

Ich ging hinein und tätigte erst einmal eine kleine Großbestellung für den Tag. Dabei kam ich mit Sébastien ins Gespräch.

Er erzählte mir, dass er morgens gegen vier Uhr anfängt und die Backwaren selbst herstellt. Genau die Sachen also, deren Duft mich die letzten Morgen aus dem Bett geholt hatte.

Als ich ihm davon erzählte, merkte ich, wie sehr er sich darüber freute. Nicht über irgendein großes Kompliment, sondern einfach darüber, dass jemand wahrgenommen hatte, was er jeden Morgen dort macht.

Dann zeigte er mir sogar noch seine Backstube.

So etwas kann man nicht planen. Und wahrscheinlich war genau deshalb dieser kurze Besuch einer der schönsten Momente meines letzten Tages in Lyon.

ZEITKAPSEL

Der Duft von frischem Brot und warmem Gebäck, der durch das offene Fenster nach oben zieht.

Am ersten Morgen in Lyon hat er mich geweckt.
Am letzten wieder.

Ich glaube, wenn ich diesen Duft irgendwann irgendwo wieder rieche, bin ich für einen Moment zurück in diesem Apartment in Lyon – morgens, am Fenster, mit einer Tasse Kaffee in der Hand.


Mit meiner Tagesration an Backwaren ging es wieder nach oben.

French Press. Kaffee. Frühstück.

Alexandres Apartment hatte deckenhohe Fenster mit tiefen Fensterbänken. Also setzte ich mich dort hin, frühstückte und schaute einfach auf die Straße hinunter.

Menschen kamen und gingen. Die Geschäfte öffneten. Die Stadt begann ihren Tag.

Ich musste nirgendwo hin.

Ein ziemlich perfekter Start.







Noch einmal aufs Rad

Danach packte ich meine sieben Sachen zusammen, räumte das Apartment auf und machte mich auf den Weg.

Für meinen letzten Tag hatte ich keinen großen Plan mehr. Ich wollte Lyon einfach noch einmal ganz entspannt mit dem Rad erkunden.

Richtung Paul Bocuse, ein bisschen durch die Viertel fahren, zum Musée des Confluences – diesmal reichte mir auch der Blick von außen.

Und wieder fiel mir auf, wie angenehm diese Stadt mit dem Fahrrad funktioniert. Gute Radwege, klare Verbindungen und erstaunlich entspanntes Fahren für eine Großstadt.

Kein Abhaken von Sehenswürdigkeiten mehr.

Einfach fahren und schauen, wo ich lande.


Irgendwann ging es weiter Richtung Botanischer Garten und später in die Rue Paul Bert.




Dort landete ich bei Au Comptoir à Pâtons und machte noch einmal Pause.

Die ganze Gegend fühlte sich plötzlich völlig anders an. Gewürze, Gerüche, offene Küchen, Lebensmittel aus allen möglichen Ländern und überall Menschen auf der Straße.

Wieder so ein Stück Lyon, das ich wahrscheinlich nie gesehen hätte, wenn ich nur die klassischen Sehenswürdigkeiten abgefahren wäre.

Genau das mag ich an solchen Tagen.

Samstag in Lyon

Irgendwann wollte ich dann doch noch einmal kurz in die Altstadt.

Kurz.

Das war zumindest der Plan.

Es war Samstag – und gefühlt hatte ganz Lyon dieselbe Idee.

Menschen überall. Verschiedene Flohmärkte, volle Straßen, volle Plätze und an jeder Ecke war etwas los.

Nach den fast menschenleeren Straßen am frühen Morgen des Vortages war das der komplette Gegenentwurf.

Wer Lyon in Ruhe entdecken und fotografieren möchte, für den wäre das jedenfalls nichts. Für mich erst recht nicht.

Also machte ich das, was ich inzwischen ganz gut konnte:

Ich fuhr einfach weiter.

Ich hatte die Stadt in den letzten beiden Tagen anders erlebt. Früh morgens, spät abends, zu Fuß, mit dem Rad und mit der Kamera.

Das reichte.

17 Uhr

Dann wurde es langsam Zeit für den Bahnhof.

Lyon - Nancy - Metz

Und auch dort funktionierte wieder alles erstaunlich unkompliziert. Überall standen Servicekräfte, die helfen konnten, die Orientierung war kinderleicht – und der Zug fuhr tatsächlich auf die Minute pünktlich los.

Fahrrad rein.

Sachen verstaut.

Hinsetzen.

Und plötzlich war es das gewesen.

Drei Tage mit dem Rad von Metz nach Lyon. Zwei Tage in einer Stadt, von der ich vorher kaum wusste, was mich dort erwartet.

Jetzt ging es zurück nach Metz.

Zum Auto.

Und danach nach Hause.

Der Plan war, nach Lyon zu fahren.
Mitgenommen habe ich deutlich mehr als nur die Strecke dorthin.

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